Der alte Pullover

 

Ich räumte meinen Kleiderschrank auf. Das kam selten vor. Aber er platzte aus allen Nähten, und so wollte ich Altes aussortieren. Berge von Klamotten holte ich aus dem Schrank heraus, warf alles auf den Boden vor dem Spiegel. Im Zweifelsfall wollte ich ein Kleidungsstück noch einmal anprobieren. Das Sortieren ging schneller, als ich dachte. Das war doch einiges zu altmodisch und einiges zu klein. Das kam alles in einen Altkleidersack.

Jetzt griff ich in den Pulloverhaufen. Ich breitete einen Pulli mit beiden Händen aus und besah ihn mir genau. Er war hübsch. Rot, mit weißen Streifen und einem großen Kragen. Zwar völlig aus der Mode aber hübsch. Leider viel zu klein.Ich hielt ihn vor dem Spiegel vor meinen Körper. Wie alte mochte der Pullover wohl sein? Als ich das überlegte, wusste ich es auf einmal genau.

Er war zehn Jahre alt. Ja, der Pulli war es.

Jetzt hielt ich ihn aufgeregt. Den hattest du an, sagte ich zu meinem Spiegelbild.Ich zog sofort meine Bluse aus und den Pullover an. Es sah verheerend aus. Ist es schon so lange her? dachte ich. Unter den Achseln zwickte der Pulli, doch ich behielt ihn trotzdem an. Auf einmal waren mir alle anderen Kleidungsstücke egal. Ich ließ sie auf dem Boden liegen, stieg über sie hinweg und setzte mich auf das Sofa. Erinnerung hatte mich überwältigt.

Damals trug ich zu dem Pulli eine Jeans, eine sehr enge.Es war in einer Diskothek auf dem Dorf. Die Stimmung war gut, es war eine Menge los und es war dunkel. Du warst auch da, alter Freund. Wer weiß, wo du jetzt bist. Damals warst du zumindest da, und ich war unsterblich in dich verliebt. Es war nicht das erste Mal, dass ich es satthatte, brav neben dir zu sitzen. Alle Kraft nahm ich damals zusammen, um dir zu sagen: Ich habe dich lieb. Zuerst waren wir beide hilflos. Dann gabst du mir den schönsten Kuss meines Lebens.

Ich strich mit meinen Händen sanft über den Pullover. Es kribbelte überall in mir. Dabei war es doch schon so lange her. Es war ein wunderschöner Abend damals. Doch hielt es mit uns danach nicht sehr lang.

Ich stand auch und ging wieder vor den Spiegel. Ich trug damals diesen Pullover. Doch es war vorbei. Als ich das dachte, sah ich wieder, wie unmöglich der Pulli heute an mir aussah. Es ist vorbei, der Pulli kann weg, sagte ich laut zu mir. Ich zog ihn aus und steckte ihn in den Altkleidersack.

Dann räumte ich weiter auf. Doch jetzt war ich hektisch, bei vielen Stücken unschlüssig. Es brachte keinen Spaß mehr. Schließlich schaffte ich es doch noch, alle Kleiderberge sortiert in den Schrank oer unsortiert in den Sack zu packen. Doch ich blieb unruhig. Es wurde dunkel draußen. Der zugebundene Sack stand im Flur. Ich saß im Wohnzimmer und lauschte bei einer Zigarette sanfter Musik. Das wirkte alles andere als beruhigend.

Endlich gestand ich es mir ein. Ich stand schnell auf, rannte auf den Flur, durchwühlte den Altkleidersack, bis ich ihn in Händen hatte, in Sicherheit.

Meinen alten Pullover. Wie konnte ich nur…?

Ich rieb die Wolle an meinem Gesicht. Ich wurde wieder ruhiger. Dann packte ich den Pulli in meinen Schrank. Für ihn wird dort immer Platz sein.

 

Anke Dittmann ©

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