Ein Wort – angedacht

Kollateralverwandter

Ein Wort aus dem verblüffenden Dudenbuch: „Versunkene Wortschätze“ – Wörter, die uns fehlen werden: Kollateralverwandter. Das klingt gar nicht so fremd, wenn man bedenkt, dass kollateral benachbart, seitlich angeordnet bedeutet. Ein Kollateralverwandter von mir wäre also etwa der Bruder von der Schwägerin meiner Cousine dritten Grades, kurz ein fast Unbekannter.

Bekannt wird dieser nur, wenn er zu einem Kollateralschaden für die weite Familie wird. Zu einer unbeabsichtigten, fatalen Nebenwirkung. Etwa zu einem Menschen, wo man sagen möchte, der oder die gehört nicht zu uns. Militärisch sind Kollateralschäden traurige, unerträgliche Geschehnisse mit unschuldigen Opfern, die in Kauf genommen werden. So weit kommt es aber im Familiären seltener. Aber unbeabsichtigte schlechte Nebenwirkungen gibt es von Verwandten zuhauf, da kennt jeder und jede Geschichten. Manchmal tauchen plötzlich menschenverachtende Parolen auf, manche Familien werden auseinandergemobbt, wenn sie das zulassen. Neid und Erbstreitigkeiten ziehen sich durch entfernteste Verwandtschaftszweige, die wir leider zu spät beschnitten haben. Unversöhnlichkeit, Rechthaberei…

Doch muss das Kollaterale nicht nur negativ sein. Kollaterale sind auch Gefäße im Blut- und Nervensystem, die uns versorgen, wenn Hauptleitungen verstopft sind oder etwa bei Operationen gekappt werden müssen. Also schon vorab eine rettende Notumleitung oder segensreiche Seitenlinie. So können uns Kollateralverwandte vielleicht auch zu Helfenden werden. Sie können eventuell etwas, was andere in der Familie nicht mehr mittragen können, oder einspringen, wo jemand fehlt. Sie geben Ratschläge als Spezialisten in Gebieten, wo sonst keiner eine Ahnung hat. Und dann kommen plötzlich die unbekannten Verwandten zusammen und bereichern sich, geben Gartentipps und packen mit an, haben tolle Rezepte, finden noch Fotos von längst verschollenen Erinnerungen…

Schauen wir hin, wer uns in der weitläufigen Familie zum Kollateralschaden wird oder zur rettenden Kollateralen. Und gucken wir auch selbstkritisch auf uns, in welcher Richtung wir uns eher einordnen würden.

Im besten Fall entwickelt sich ein tragendes weites Netz, das zusammenhält und uns gegenseitig trägt. Bei Kollateralverwandten, läuft es gut, kann die Seitenlinie gar nicht lang genug sein.

© Anke Dittmann 31.8.2023

Quelle: versunkene Wortschätze – Wörter, die uns fehlen werden, Dudenverlang, Berlin 2016

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