©Anke Dittmann
Der Friede Gottes sei mit uns allen. Amen.
Vorgeschlagener Predigttext heute ist der klassische Text zum 1. Advent. Jesu Einzug in Jerusalem. Die Geschichte steht bei Matthäus im 21.Kapitel und gehört auch zum Palmsonntag, also zum Beginn der Karwoche.
Jesu Einzug in Jerusalem
1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus
2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.
4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):
5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.
8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der?
11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.
Liebe Gemeinde!
Eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. – Ein König wurde erwartet.
Ich habe mir überlegt, wer da so alles am Wegesrand gestanden haben mag. Die Menge besteht ja aus vielen Einzelpersonen mit ihren Lebensgeschichten und Schicksalen.
Vielleicht war ein alter Mann dabei, der fühlte, dass er nicht mehr lange leben würde und er hoffte, dass nun der Retter käme, der sie endlich von den Römern befreien würde.
Vielleicht war eine junge Frau dabei, die zwangsverheiratet worden war und nun unglücklich, etwa durch Gewalt Zuhause.
Vielleicht war ein Mädchen dabei, die immer hinter ihren Brüdern zurückstehen musste,
oder ein junger Mann, der sich nur verzweifelt als Tagelöhner über Wasser halten konnte.
Vielleicht war ein Vater dabei, der sich um seinen behinderten Sohn sorgte, weil überall gesagt wurde, in ihm herrschten böse Geister.
Vielleicht war eine ältere Frau dabei, die gerade ihren Mann verloren hatte und nun nicht wusste, wie sie als Witwe überleben sollte.
Und etwas im Hintergrund stand vielleicht ein Kranker, der wusste, dass auch er bald zu den Aussätzigen gesteckt werden würde, draußen in die Grube vor der Stadt.
Und eine junge Familie stand sicher auch am Weg und legte Palmzweige in den Staub, weil sie sich um die Zukunft sorgten, um Gewalt, Willkür und Armut. Und der ein oder andere Widerstandskämpfer mag sich in der Menge versteckt haben und hoffen, dass Jesus zur Machtergreifung nach Jerusalem gekommen sei.
Und sie alle riefen: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
Hosianna, das bedeutet: Rette doch! Hilf doch! Oder: Gib Segen!
Sie alle rufen um Hilfe und nach Rettung und Segen. Menschen in so unterschiedlichen Situationen, mit verschiedensten Problemen und Ängsten und Hoffnungen. Und sie alle hoffen auf den Mann, der nicht mit einem Schlachtross in die Stadt kommt, sondern auf einem Esel, wie es Sacharja verheißen hat. Sanftmütig.
Sie alle hatten sicher schon von Jesus gehört, wie er Kranke geheilt hat, dass er einzelne nicht übersieht. Sie hatten die Geschichten gehört, die von Gottes Himmel erzählten, der schon unter uns spürbar werden kann und kannten seine klugen Antworten, wenn er etwa von Schriftgelehrten provoziert wurde. Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Sie wussten, dieser Jesus ist anders als all die anderen Gottesmänner, die früher durchs Land gezogen waren. Jesus veränderte Menschen, er hinterfragte diejenigen, die Menschen nach Buchstaben aburteilten ohne auf den einzelnen zu sehen. Und Jesus versprach, dass das Reich Gottes nahe sei.
Andere in der Stadt scheinen ihn kaum zu kennen und fragen: Wer ist das? Und die Antwort kommt aus aller Munde: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa. Und im Stillen dachten sie: Er soll unser neuer König werden. Aber noch war es nicht so weit.
Das neue Kirchenjahr beginnt mit dieser Geschichte aus den letzten Lebenstagen Jesu. Das ist aus dem neu geborenen König aus dem Stall von Bethlehem geworden. Ein König ganz anderer Art, der Messias, auf den so lange schon gewartet wurde.
Aber wie es mit der Geburt im Stall ungewöhnlich war für einen König, so war es auch hier beim Einzug mit dem Esel. Und so manche Hoffnung der Menge am Wegesrand zerschlug sich schnell, als Jesus kein Interesse zeigte, die Herrschaft an sich zu reißen, einen Aufstand gegen die Römer anzuzetteln oder die himmlischen Heerscharen nun auf der Erde kämpfen zu lassen. Er ließ sich gefangen nehmen, verteidigte sich nicht einmal und wurde schließlich hingerichtet, verurteilt von denen, die sich durch ihre Gesetzestreue fesseln ließen, und von denen, die das Land besetzt hielten und keine Unruhe wollten.
Was für eine Enttäuschung für die, die ihm zugejubelt hatten. Hilf doch, rette doch! Das verhallte im Dunkel von Karfreitag. Und die anderen Parolen wurden stärker: Kreuziget ihn!
Doch dann kam das, was alle gewesenen Könige und Propheten überstrahlte: Jesu Auferstehung! Gegen seine Botschaft konnte und kann keine weltliche Macht gewinnen und am Ende steht immer das Leben.
Noch erleben wir den Himmel auf Erden nur Stück für Stück, etwa dort, wo wir erfahren dürfen, dass jemand uns liebevoll, sanftmütig und barmherzig begegnet. Mit den Herrschern, die mit Paraden mit Kriegsgerät ihre Macht demonstrieren, hat die Welt keine guten Erfahrungen gemacht. Und wir wissen längst, dass die, die zornig und laut oder fies und mit Ellbogen ihre Macht verteidigen, die schwächeren sind. Das gilt in der Politik, in der Clique, am Arbeitsplatz oder in der Familie, weil sie sich nicht beherrschen können und dann kaum klare Gedanken fassen. Wir brauchen dagegen den König, der sich bis zuletzt den Gesetzen der Macht und Willkür widersetzt und dann gewinnt. Denn Gott ist in den Schwachen mächtig.
Wenn wir jedes Jahr im Advent auf Weihnachten warten, warten wir auch darauf, dass dieser König wiederkommt. Und wir erinnern uns, was wir erreichen können, wenn wir ihm entgegengehen. Und auf dem Weg ist schon viel geschehen: Demokratie, Menschenrechte, Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt gehören für mich genauso dazu, wie Kranken- und Sozialhilfe oder vor Ort unser einladender Seniorenkreis, unser Besuchsdienst oder unsere lebensbegleitenden Angebote von klein auf an. Jesus hat uns gelehrt, Menschen zu begleiten und ihnen besonders an Übergängen zu helfen durch Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Beerdigung, durch Notfallseelsorge und Hausbesuche, durch Fürbitte und den Blick auf Einzelschicksale, durch Unterricht und Verkündigung seiner Geschichten. Und wer da mit dabei ist, weiß wie sehr das liebevolle Miteinander auch die beschenkt und erfüllt, die es versuchen und tun.
Noch sind wir damit lange nicht am Ende, noch stehen viele, zu viele am Wegesrand und rufen: Hilf doch, rette doch, gib Segen. Noch gibt es zu viele Mächtige, die alle Sanftmut im Keim ersticken wollen, und viel Leid, das oft unerklärlich ist. Wir warten noch auf das Christuskind und den Himmel auf Erden. Und Warten fällt oft schwer. Doch so vieles, was den Himmel ausmacht, ist mit Jesus schon gekommen. Deshalb können wir das Warten gestalten. Wir müssen diesem König des Lebens nur vertrauen und entgegengehen. Dann erleben und schenken wir Hilfe, Rettendes und Segen. Macht die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre bei und in uns einziehe! Amen.
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