Nichts ist so wie letztes Jahr

Eigentlich ist alles so wie jedes Jahr. Draußen ist es dunkel, die Stube warm, der Tannenbaum schön, das Kerzenlicht flackert.

Wir sitzen um den Stubentisch, der bedeckt ist mit Weihnachtssüßigkeiten. die Geschenke füreinander hat jeder bereit. Heiligabend kann beginnen.

Wir schlagen die Liederbücher auf, immer zwei schauen in eins. „Oh du fröhliche…“. Es ist gut, zuerst ein einfaches Lied zu singen

Wir kämpfen uns durch die Strophen. Ein vernünftiges Singen kommt dabei nicht zustande.

Dabei ist eigentlich alles wie jedes Jahr.

Im Gesicht meiner Mutter sammeln sich erste Tränen. Sie hat wohl die Anwesenden gezählt. Sechs. Meine Gedanken wandern ein Jahr zurück. Sieben hatte sie da gezählt.

Großmutter war gestorben im Herbst.

Nun sitzt meine Schwester dort, wo sonst meine Großmutter, geschickt in ihre Decke eingehüllt, gesessen hatte. Großmutter brauchte nie ein Gesangbuch. Sie kannte alles auswendig, Strophen über Strophen.

Wir versuchen ein zweites Lied. „Ihr Kinderlein kommet…“. Meiner Mutter versagt die Stimme. Bei ihren Tränen kommt mir die Erinnerung. Ich höre Großmutters hohe, nicht mehr feste Stimme. Jetzt singe ich lauter, fester. Gemeinsam mit Großmutter singe ich alle Strophen von „Ihr Kinderlein kommet“.

Das Lied ist zu ende. Großmutter Stimme klingt nicht mehr in meinen Ohren. Mutter weint noch.

Nichts ist so wie jedes Jahr.

 

 

Anke Dittmann ©

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