Peter, der von seinen Eltern Pit genannt wurde, hatte es nicht leicht. Er war ein unscheinbarer Typ. 08/15 sozusagen. Wenn er nicht laut aufschrie oder mit bunten Fähnchen in der Hand wedelte, übersah man ihn einfach. Und Pit schrie nicht laut auf und bunte Fähnchen hatte er auch nicht bei sich, in der Schule etwa, damit die Lehrer ihn endlich mal beachten würden, wenn er sich meldete. Dabei täte es ihm aber gut, da er sich nicht allzu oft meldete. Wenn man dann noch übersehen wird, … naja, ihr wisst schon, dann ist die Zensur am Ende nicht wirklich gut.
Peter war dieser Zustand lange Zeit egal. Er war zwar nicht glücklich, aber er kannte es ja auch nicht anders. Außerdem hatte er seinen besten Freund, den Kater Charley, und mit seinen Eltern kam er auch prima klar.
Aber alles änderte sich, als er in der vierten Klasse war. Mitten im Schuljahr, kurz nach den Weihnachtsferien, kam ein Mädchen neu in seine Klasse. Und was für ein Mädchen!
Doch zuvor geschah schon etwas. Das Mädchen zog zwei Häuser neben Pits Familie ein. Am Tag des Einzugs sah Pit, wie das Mädchen einen schweren Koffer ins Haus tragen wollte. Dabei stolperte es über den Kantstein. Der Koffer schlug auf und alle möglichen Dinge kullerten über den Bürgersteig. Pit lief sofort hin, um zu helfen und sammelte einige der Dinge wieder ein. Handschellen zum Beispiel und eine Zeitschrift über „Monster der Tiefsee“. Das hatte er bei dem Mädchen gar nicht vermutet. Eher Schminke oder so was. Merkwürdig!
„Hast du den Koffer von Jonas dabei?“, rief dann eine Stimme von drinnen.
„Mein kleiner Bruder“, erklärte das Mädchen, „sind seine Sachen.“
„Aha“, sagte Pit schnell, gab ihr die Sachen und verschwand.
„Danke“, rief das Mädchen hinterher, „ich heiße übrigens Julia.“
Doch Pit war schon weg.
Noch nie hatte er ein Mädchen mit so schönen langen welligen dunklen Haaren gesehen. Sie war wirklich hübsch und nett war sie auch. Sie hatte sich immerhin bei ihm bedankt.
Am nächsten Tag kam Herr Morwitzki, Pits Klassenlehrer, mit dem Mädchen in die Klasse. Pit traute seinen Augen nicht.
Alle umringten das Mädchen sofort, alle, außer Pit, der blieb wie angewurzelt auf seinem Platz sitzen. Herr Morwitzki stellte die neue Mitschülerin vor und fragte dann: „Julia, wo möchtest du gern sitzen, bei Sarah hier vorn ist noch ein Platz oder bei Tom in der zweiten Reihe oder bei Lennard dort hinten.“
In dem Moment sah Julia Pit und sagte: „Ich möchte gern bei dem Jungen da sitzen“, und zeigte ungeniert mit dem Finger auf Peter. Er zuckte zusammen und es ging ein Raunen durch die Klasse.
„Gut“, sagte Herr Morwitzki, „bei Peter ist auch noch Platz, wenn du willst.“ „Ich will“, sagte Julia mit fester Stimme und nahm Platz. Alles drehte sich zu den beiden um. Pit wurde rot und murmelte Julia etwas zu, was wohl „Hallo“ heißen sollte.
Julia mochte Pit, weil er ihr geholfen hatte. Sie dachte, dass er bestimmt ein netter Kerl sei und keiner von den Jungs, die Mädchen einfach „Tussies“ nennen, weil ihnen nichts Besseres durch den Kopf geht.
In der ersten Pause kam Mirko zu Julia. Er hatte noch mehrere Jungs um sich, die ihm anscheinend überall hin folgten. „Ich bin der Klassensprecher“, sagte er, „wenn du Hilfe brauchst oder Fragen hast oder jemand dich ärgert… einfach zu mir kommen.“
„Okay, danke“, antwortete Julia und suchte schon wieder mit den Augen nach Pit.
Sie merkte schnell, dass Peter in der Klasse außen vor war. Er war so ruhig und bescheiden. Er setzte sich nicht durch und traute sich nicht, sich zu melden. Dabei wusste er eine ganze Menge, das hatte sie neben ihm rasch verstanden.
Peter freute sich, dass Julia neben ihm saß und dass sie den gleichen Schulweg hatten. Und Julia veränderte ihn. Wenn er in der Schule etwas wusste, wies sie den Lehrer darauf hin und Pit konnte zeigen, was er konnte. Beim Fußballspielen feuerte sie ihn an und schon bald war er der Torschützenkönig der Klasse. Gemeinsam machten sie Hausaufgaben oder Pit zeigte ihr mit dem Fahrrad die Umgebung. Und sie besuchten einander oft.
„Mit Charley musst du aufpassen“, warnte Pit, „der hat nur zu mir Vertrauen und verteidigt alle meinen Sachen. Außerdem ist er ein Räuber. Letztes Jahr hat er Papa alle Fische aus dem Gartenteich gefischt. Der war ganz schön sauer.“
Pit wurde durch die Freundschaft mit Julia ein glücklicher, fröhlicher Junge. Aber einem in der Klasse passte das gar nicht und das war Mirko, der Klassensprecher. Auf einmal sprachen alle nur noch von Pit und Julia. Pit dem Mathegenie, Pit dem Fußball-As. Außerdem gefiel Mirko die Julia auch, aber die interessierte sich nur für Pit und die anderen Mädchen. Er würde Pit schon einen Denkzettel verpassen.
In der Pause fing er an, sich über die beiden lustig zu machen. „Da ist ja wieder unser Liebespärchen“, flötete er so laut, dass alle es hören konnten, „Pit und Julia sind verliebt.“
„Lass ihn reden“, sagte Julia zu Pit, der schon eine Faust formte mit seiner rechten Hand.
„Na, Pit“, forderte Mirko ihn weiter heraus, „du siehst ja ganz schön wütend aus. Wirst schon ganz rot. Sieht ziemlich hässlich aus.“
„Halt den Mund, Mirko“, rief Julia zurück, „bist ja nur neidisch.“
„Neidisch, auf den Feigling?“, rief er laut zurück.
Da konnte Pit nicht mehr an sich halten und ging auf Mirko los. Darauf hatte der gewartet. Mirko war ein guter Kämpfer und landete gleich einen Schlag in Pits Gesicht. Pit bekam Nasenbluten und Mirko verdrückte sich schnell.
Herr Morwitzki, der Pausenaufsicht hatte, hatte den Vorfall nicht gesehen, sah aber Pits blutende Nase. „Was ist passiert?“, wollte er wissen.
„Bin hingefallen“, log Pit und ging zum Sekretariat, um ein Kühlkissen zu holen. Julia begleitete ihn. „So ein Schuft“, sagte sie, „und so einer ist Klassensprecher.“
Mirko war das aber noch nicht genug. Eine Woche später hatte er einen ganz schlechten Tag, denn er hatte seine Mathearbeit verhauen. Und Pit, der hatte eine „1“, Julia auch, aber er hatte nur eine „4 minus“.
Aus einem Gespräch in der Pause hatte er aufgeschnappt, dass Pits Eltern ein paar Tage weggefahren waren und Pit bei Julia mit übernachten durfte. Da fasste er einen Plan, um Pit noch mal eins auszuwischen.
Als es dunkel wurde, schlich Mirko sich aus seinem Zimmer und ging zum Haus von Peter. Er kletterte über den Zaun in den Garten. Er wusste, dass Pit sein Fahrrad immer hinter dem kleinen Schuppen abgestellt hatte. Das hatte er die Tage zuvor noch beobachtet. Jetzt wollte er ihm die nächste Radtour mit Julia vermiesen. Er hatte einige Reißzwecken dabei und wollte sie in den Reifen drücken. Außerdem wollte er den Lenker lockern.
Doch kaum machte er sich an dem Fahrrad zu schaffen, da sprang ihm auf einmal eine Katze in den Nacken. Es war Charley, Pits Kater, der oben auf dem Baum gesessen hatte, als würde er alles bewachen. Charley jaulte fürchterlich und Mirko schrie auf, da die Katze ihn blutig kratzte.
„Was ist denn da los?“ fragte sich Julia in ihrem Zimmer, ging nach nebenan ins Gästezimmer und weckte Pit. „Ich glaube, es ist irgendwas mit deiner Katze. Lass uns mal nachsehen.“
Zuerst schauten sie aus dem Fenster, von Julias Zimmer aus war ein Stück vom Garten bei Pit zu sehen. Und da konnten sie Mirko schon erkennen.
„Schau an, Mirko macht sich am Fahrradschuppen zu schaffen.“ Pits Stimme klang wütend.
„Aber schau nur“, fiel ihm Julia ins Wort. „Charley ist besser als jeder Wachhund.“
„Wir müssen ihn erwischen.“ Schon zog Pit sich die Schuhe an.
„Ich hole die Handschellen von Jonas. Wir fangen Mirko und binden ihn an den Wäschepfahl“, schlug Julia vor.
„Hast du irgendwo eine Lampe?“, wollte Pit wissen und Julia warf ihm eine Taschenlampe zu.
Schon rannten beide die Treppe hinab, die Handschellen fest in Julias Fingern. Die Eltern saßen noch im Wohnzimmer. „Wo wollt ihr denn noch hin?“, fragten sie.
„Pit hat drüben etwas Wichtiges vergessen, wir sind gleich wieder da“, rief Julia und beide waren aus dem Haus, bevor die Eltern antworten konnten.
Sie teilten sich auf, denn sie wollten Mirko in die Zange nehmen. Pit würde von hinten kommen und Julia von vorn. Außerdem hatten sie ja Charley noch auf ihrer Seite.
Mirko erschrak, als er, noch mit der Katze kämpfend, auf einmal Julia vor sich sah. Als er sich umdrehte und davonlaufen wollte, lief er Pit in die Arme. Eine Rangelei begann. Diesmal war aber Pit der, der vorbereitet war und überlegt handeln konnte. Er stieß Mirko in den Gartenteich. Als der mühsam wieder herauskletterte, nass und voller Teichgrün, griff Julia sich gleich einen seiner Arme. Die eine Handschelle schnappte darum zu und die zweite beim Wäschepfahl, wie geplant.
Mirko fluchte, schimpfte und tobte.
Julia und Pit setzten sich in einigem Abstand ruhig auf den Rasen.
„Was meinst du Pit, wenn der weiter so rumschimpft, kriegt er bestimmt noch Schaum vor dem Mund, oder?“ Julia lachte. Pit grinste über das ganze Gesicht.
Nach einer Weile leuchtet Pit Mirko mit der Taschenlampe direkt ins Gesicht und fragte: „Nun sag schon Mirko, was hattest du hier vor? Wolltest du mein Fahrrad klauen?“
Mirko sagte nichts mehr. Ihm wurde kalt. Er war ja klitschnass.
„Wir sollten Charley noch einmal auf ihn hetzen“, schlug Julia im Scherz vor. Aber Mirko fand das gar nicht lustig.
„Wollt ihr mich jetzt die ganze Nacht hier sitzen lassen?“, fragte er.
„Gute Idee!“ meinte Pit. Aber als er sah, wie sehr Mirko fror, tat er ihm fast leid. „Ich geh mal ein Handtuch holen“, sagte er dann zu Julia und verschwand im Haus.
„Danke!“, sagte Mirko leise, als Pit ihm das Handtuch reichte. Dann zog er mit der freien Hand Schuhe und Socken aus. Die Schuhe waren ganz voller Wasser und seine Füße waren eiskalt.
„Ich reib dir mal die Füße warm“, schlug Julia vor, „du wirst ja krank sonst.“
„Wollt ihr mich nicht mal losmachen?“, jammerte Mirko.
„Erst, wenn du genau erzählst, was du hier vorhattest.“ Pit blieb in der Sache hart.
Da erzählte Mirko seinen Plan mit den Reißzwecken im Reifen und dem losen Lenker.
„Mensch, da hätte Pit ja schlimm stürzen können.“ Julia war richtig sauer. „Was für eine fiese, gefährliche Idee!“
Mirko ließ den Kopf hängen. Fast weinte er. Nun war alles schiefgegangen.
„Warum machst du denn so was, Pit hat dir doch gar nichts getan?“, fragte Julia.
„Ach, alle reden nur noch von Pit. Meine Freunde auch, außerdem bist du nur mit Pit zusammen, alle anderen in der Klasse sind dir egal. Mich hat das genervt“. Mirko sprach jetzt ganz leise.
„Das ist alles?“ Julia war erbost. „Nur deshalb machst du hier so einen Blödsinn?“
„Was machen wir denn jetzt mit ihm?“, fragte Pit laut. „Wenn wir ihn die Nacht hierlassen, ist er morgen krank. Wir müssen ihn nach Hause bringen.“
„Da können wir meine Eltern fragen. Wir sagen einfach, Mirko ist in den Teich gefallen und wir mussten ihm heraushelfen, das wird schon gehen. Wir können natürlich auch die ganze Geschichte erzählen, wenn es dir lieber ist, Mirko?“ Sie schaute ihn fordernd an.
„Bloß nicht!“, antwortete Mirko.
„Dann musst du uns aber etwas versprechen.“ Pit sprach mit fester Stimme. „Lass uns einfach in Ruhe.“
Mirko wusste, dass er verloren hatte. Er versprach Pit und Julia, sie von nun an nicht mehr zu ärgern. Sie ließen Mirko frei und brachten ihn zu Julias Eltern.
„Tatsächlich?!“, wunderten die sich, als Pit erzählte, dass Mirko bei ihnen in den Teich gefallen sei. Aber sie fragten nicht lange nach, sondern brachten Mirko sofort nach Hause.
Bevor er aus dem Haus hing, wandte er sich noch einmal zu Pit und Julia um und sagte: „Danke.“ In seinen Augen stand die Bitte, niemandem zu erzählen, was heute Nacht wirklich geschehen war.
Pit und Julia saßen noch einen Moment zusammen, bevor sie schlafen gingen.
„Ich glaube, wir müssen Mirko helfen“, meinte Julia.
„Ich könnte mit ihm Mathehausaufgaben machen“, schlug Pit vor.
„Und ich werde auch ihn mal beim Fußball anfeuern, ist das okay?“, fragte Julia ihren Freund.
„Klar“, antwortete Pit, „gut, dass Charley so gut aufgepasst hat, wer weiß, was sonst passiert wäre.“
„Wir waren aber auch ein gutes Team“, meinte Julia.
Einen Moment war es still. Dann sagte Pit auf einmal ganz tief von innen heraus. „Danke, Julia.“
„Wofür?“, wollte Julia wissen.
Doch weil das so schwer zu beschreiben war, entschied sich Pit lieber dazu, Julia kräftig durchzukitzeln.
Anke Dittmann ©
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