Als Philipp aufwachte, war er sich sicher, dass er in dieser Nacht den allerschönsten Traum seines Lebens geträumt hatte. Er hielt einen goldenen Pokal in der Hand, er allein. Doch als er erwachte, war alles wie vorher. Er lag allein im Gästebett bei Oma und Opa. Er hatte mit einem schlechten Zeugnis gerade so die Versetzung geschafft. Und statt ein Gewinner zu sein, war er aus der Fußballmannschaft geflogen, weil er sich nach einem verlorenen Spiel mit Niklas, einem Spieler der gegnerischen Mannschaft, doll geprügelt hatte und sich nicht entschuldigen wollte. „Ne, nicht bei dem“, dachte er noch, als die Bilder wieder in ihm auftauchten.
Gut, dass die Großeltern ihn eingeladen hatten, denn Zuhause hatte es auch ganz schön Krach gegeben wegen der Prügelei und der Schule. Und dann hat seine Schwester noch dazwischen gefunkt. Luisa, die alles besser kann, die reitet und Turniere gewinnt und die sich wie ein HipHop-Star fühlt, meinte noch, sich über ihn lustig machen zu müssen. Gut, er hätte nicht die Tasse nach ihr werfen sollen, aber es war wirklich unerträglich gewesen.
Immer wenn es hoch her ging Zuhause, luden die Großeltern ihn ein. Dann kam Opa mit dem alten Auto. Das war ein echter Freund. Er holte Philipp ab, stellte kein Fragen und ließ ihn erstmal in Ruhe. Oma war auch ganz in Ordnung, bloß ihr ständiges Klavier spielen, nervte ab und zu. Dafür konnte sie gut kochen und verwöhnte Philipp gern mit seinem Lieblingsessen: Hühnerfrikassee. Wenn Philipp sich nach einem Tag beruhigt hatte, weil Oma und Opa ihn in Ruhe ließen, dann gingen sie oft zu einem Handballspiel. Opa hatte früher einmal selbst Handball gespielt. Das konnte man sich heute gar nicht mehr vorstellen bei dem dicken Bauch. Aber wenn er Philipp etwas erklärte, merkte er, dass Opa wirklich Ahnung von Handball hatte.
Manchmal spielten sie auch zusammen Tischtennis. Dann war Opa richtig froh, weil Oma nicht so gut war im Tischtennis und das Spielen mit ihr deshalb nicht so viel Spaß machte. Nur Football mochte Opa nicht, weil er die Regeln nicht verstand, sonst konnte man ihn mit jeder Sportart begeistern.
Opa hatte viele Pokale im Wohnzimmer auf dem Schrank stehen. Philipp hatte nicht einen. Und der eine Pokal oben links auf dem Schrank, den mochte Philipp besonders. Auf einem Podest stand ein goldener Siegertyp, der die Arme nach oben riss, als hätte er die Welt gewonnen. Philipp stand mit hängenden Schultern davor und schaute nach oben.
„Du hast nicht so ein gutes Jahr gehabt, oder?“, meinte Opa, der plötzlich hinter ihm stand und ihm die Hand auf die Schulter legte.
Philipp nickte und ihm wurden die Augen nass, das war ihm richtig peinlich. Opa hatte es aber nicht gesehen und wenn doch, ließ er es sich nicht anmerken.
„Was wollen wir denn heute anstellen, damit dieser Tag gut wird?“, fragte er dann.
Philipp hatte keine Idee.
„Ich glaube, Oma könnte unsere Hilfe brauchen, sie will den Garten noch auf Vordermann bringen.“
„Tolle Aussichten“, dachte Philipp. „Gartenarbeit, das ist echt anstrengend und wenig lustig.“
Aber er sagte nichts und ging mit.
Oma war schon längst dabei und hatte das Unkraut bereits entfernt, wuchs ja sowieso kaum was, denn sie hatte ihren Garten tip-top in Ordnung. Philipp entdeckte dann eine große Holzplatte, eine merkwürdige grüne Tube und Opas Stichsäge. Auf die Holzplatte hatte Oma einen großen Menschen gemalt.
„Was soll das denn werden?“, fragte Philipp neugierig.
„Eine Vogelscheuche“, antwortete Oma. „Die Vögel fressen mir immer die Beeren weg.“
„So eine Vogelscheuche habe ich noch nie gesehen“, sagte Philipp.
„Deine Großmutter ist eben eine einmalige Frau.“ Opa lachte und zwinkerte Oma verliebt zu.
Dann erklärte er: „Wir beide werden jetzt den Menschen hier aussägen, dann geben wir die Farbe aus der Tube auf die Figur und wenn die Farbe getrocknet ist, malst du die Figur an.“
„Wieso, dann ist doch schon Farbe drauf?“, fragte Philipp erstaunt nach.
„Das Grüne hier ist ja keine normale Farbe“, erklärte Oma. „Das ist der Untergrund für eine Tafel. So können wir die Figur jeden Tag mit bunter Kreide anders anmalen. Ich kann auch mal draufschreiben, woran sich Opa erinnern soll. Zum Beispiel: Rasen mähen nicht vergessen!“
„Oma und Opa sind echt verrückt“, dachte Philipp.
Geduldig zeigte Opa Philipp den Umgang mit der Stichsäge. Das war gar nicht so einfach und Philipp musste erst an einigen alten Brettern üben. Aber dann ging es richtig los, ran an den Mann sozusagen. Opa war ein geschickter Handwerker, er hatte ja auch schon viel für Philipp gebastelt. Das Werkeln machte Spaß. Vorsichtig schälten sie mit der Säge Kopf und Arme aus dem Holz, dann den Körper und die Beine. Die Finger an der Hand und sogar die Zehen – darauf hatte Oma bestanden – hat Opa dann allein gemacht, dass war so fummelig.
Als sie fertig waren, lehnten sie die Figur gegen die Garagenwand und schauten sie von einiger Entfernung in Ruhe an.
„Cool“, entfuhr es Philipp. Denn das sah wirklich schräg aus, weil das linke Bein etwas zu kurz geworden war. Egal.
Opa reinigte die Holzplatte und dann wurde die Platte mit der Tafelfarbe beschichtet.
„Jetzt ist der ganz grün“, stellte Philipp fest.
„So, dass muss jetzt trocknen“, sagte Opa. „Also haben wir Zeit für Saft und Kuchen und eine Runde Tischtennis.“
Während sie sich auf den Gartenstühlen ausruhten, schaute Philipp immer wieder zu der Figur herüber. So hatte er sich die Gartenarbeit nicht vorgestellt. Er grinste Opa an und saß fröhlich aufrecht auf dem Stuhl.
Es dauerte noch lange, bis alles getrocknet war und er endlich mit der bunten Kreide loslegen konnte. Sie malten alle drei zusammen und lachten, weil die Augen schief wurden und Oma unbedingt karierte Hosen malen wollte und Philipp dem Mann eine HSV Raute ins Gesicht malte.
Als sie fertig waren, waren sie zufrieden.
„Abschreckend ist der aber nicht“, meinte Opa lachend.
„Wir binden noch Flatterband an die Arme“, erläuterte Oma. „Und wer weiß, vielleicht sind die Vögel ja Bayern Fans und verschwinden.“
Philipp genoss die Tage bei seinen Großeltern und wurde von Tag zu Tag fröhlicher. Noch manch anderes hat Opa ihm gezeigt und durch Omas gute Küche hat er ordentlich zugenommen, was ganz gut war, denn Philipp war spindeldürr, da er Zuhause kaum Appetit hatte.
Am letzten Abend setzte sich Opa abends an sein Bett.
„Morgen musst du nun schon wieder nach Hause“, sagte er traurig. Philipp schluckte.
„Was willst du denn jetzt für einen Sport machen?“, fragte er. Philipp zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, Karate würde gut zu dir passen“, meinte Opa.
„Ich denk` mal drüber nach“, antwortete Philipp.
„Oma und ich haben noch ein Geschenk für dich“, sagte er dann geheimnisvoll und zog einen Gegenstand hinter seinem Rücken hervor. Er war in Stoff eingewickelt.
„Du hast es verdient“, sagte er und rief dann laut: „Lore, er packt es jetzt aus, komm schnell.“
Schon hörte Philipp Oma die Treppe hinauf rennen. Als sie ins Zimmer kam, musste sie erstmal Luft holen. Dann reichte Opa Philipp den Gegenstand.
Vorsichtig wickelte Philipp das Geschenk aus. Seine Augen weiteten sich. Es war ein goldener Pokal mit einer Spielerfigur, die wie ein Gewinner aussah. Unten auf dem Sockel stand sein Name: „für Philipp Junker“. Und weiter stand da: „den besten Enkel der Welt.“
Philipp strahlte und umarmte seine Großeltern, erst Opa und dann Oma. Den Pokal ließ er nicht aus der Hand. Selbst als die Großeltern bereits gegangen waren, hielt er ihn noch in Händen und schlief damit ein.
Als er wieder nach Hause kam, stellte er den Pokal auf seinen Schrank nach links.
„Das ist mein erster Pokal“, dachte er und nahm sich vor, wie Opa den ganzen Schrank voller Pokale zu haben. Das würde Opa bestimmt freuen.
Nach den Ferien begann er mit Karate und als er Niklas mal wieder traf, hat er sich zwar nicht entschuldigt, ihm aber immerhin die Hand gegeben. Deshalb durfte er dann doch im nächsten Jahr wieder mitspielen beim Fußball. Und immer, wenn es in der Schule schwierig war, stellte Philipp sich den Pokal von Oma und Opa auf den Schreibtisch und irgendwie ging es ihm dann besser.
Anke Dittmann ©
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